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Version 4.12

 

 

 

 
   
 
 
Zen

In jeder Zen-Halle hält der Übungsleiter während der einzelnen Zazen-Perioden einen schmalen, abgeflachten Stock in der Hand. Dieser Stock heißt Kyosaku (auch keisaku gesprochen); er symbolisiert das Schwert der Weisheit des Bodhisattva Mafijushri, das alle Begriffe und Selbsttäuschungen zerschneidet.

Mit diesem »Erweckungsstock« schlägt der Übungsleiter dem Zazen-Schüler auf die Schultern; dabei macht der Kyosaku ein scharfes, klatschendes Geräusch, das in der ganzen Zen-Halle zu hören ist. Der Kyosaku ist so zahlreichen Mißverständnissen ausgesetzt, daß er eine eingehende Erläuterung verdient.
In manchen Büchern wird berichtet, der Kyosaku finde in erster Linie Verwendung, um eingeschlafene Schüler zu wecken und solche zu bestrafen, die ihren Phantasien nachhängen. Das ist jedoch eine billige Interpretation, die keinerlei Rückendeckung in der Erfahrung hat.


Was den Kyosaku als Mittel der Bestrafung anbelangt, so entspricht eine solche Praxis nicht dem Geist einer Zen-Halle. Wenn er geschickt verwendet wird, ist der Kyosaku schlicht ein Stimulans. Er trifft dann die Schultermuskulatur aus einembestimmten Winkel und mit exakt soviel Kraftaufwand, daß er einen leichten Stich verursacht und sonst nichts.
In vielen Klöstern, das unsrige eingeschlossen, erhält man den Kyosaku nur, wenn man darum bittet.

Wenn man sich abgeschlagen oder schläfrig fühlt, so fügt man die erhobenen Hände zum Gasshö zusammen, dem mit dem Übungsleiter vereinbarten Zeichen. Während dieser von hinten die Schulter des Übenden antippt, läßt jener seine Hände wieder in den Schoß sinken und bewegt den Kopf zunächst nach links und dann nach rechts, während er einige leichte Schläge auf die Schultern erhält. Danach nimmt er wieder die Gasshö-Haltung ein. Vor und nach dieser Prozedur verbeugt der Übungsleiter sich jeweils in der Gasshö-Haltung vor dem Schüler. Diese Prozedur wird von Übungszentrum zu Übungszentrum ein wenig unterschiedlich gehandhabt.

Der Kyosaku gilt traditionell als »Erweckungsstock«, so die buchstäbliche Bedeutung des Wortes. In der fernöstlichen Feudalgesellschaft waren die Zen-Schüler auf eine härtere Behandlung vorbereitet, als wir im Westen es vielleicht vermuten würden.

 


Der Kyosaku ist ein wichtiges Werkzeug, um den Übenden an seine eigentliche »Aufgabe« zu erinnern. Wenn man hört, wie ein anderer mit dem Kyosaku »geschlagen« wird, so kann man sich durch diesen Sinneseindruck dazu auffordern lassen, wieder zum Atemzählen und zur Koan-Arbeit zurückzukehren.

Wenn jemand hustet, sich bewegt, hereinkommt oder hinausgeht, wenn draußen ein Vogel singt, ein Gecko schreit, wenn es zu regnen beginnt oder wieder aufhört, wenn der Wind in den Bäumen rauscht oder einem die Beine weh tun - all diese Wahrnehmungen können einen dazu auffordern, innerlich wieder zum Atemzählen zurückzukehren.

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